Steigende Temperaturen, Extremwetterereignisse und Umweltveränderungen könnten die Verbreitung antimikrobieller Resistenzen begünstigen. Eine neue Übersichtsarbeit fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen. Ein ursächlicher Zusammenhang ist bislang nicht ausreichend belegt, aber es gibt viele Indizien dafür.
Der Klimawandel könnte eine zusätzliche Rolle bei der weltweiten Zunahme antimikrobieller Resistenzen (AMR) spielen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Übersichtsarbeit von Dr. Erta Kalanxhi und Dr. Ramanan Laxminarayan, die im Fachjournal Nature Reviews Microbiology erschienen ist. Die Forschenden vom One Health Trust analysieren bestehende Studien und beschreiben mehrere Mechanismen, über die steigende Temperaturen, Extremwetter und ökologische Veränderungen die Entstehung und Verbreitung resistenter Krankheitserreger beeinflussen könnten.
Unter AMR versteht man die Fähigkeit von Mikroorganismen wie Bakterien oder Pilzen, antimikrobiellen Medikamenten (Antibiotika, Antimykotika) zu widerstehen. Schätzungen zufolge stehen bereits heute rund zwei Drittel der jährlich etwa 7,7 Millionen Todesfälle durch bakterielle Infektionen im Zusammenhang mit Resistenzen. Etwa 1,2 Millionen Todesfälle sind direkt auf resistente Erreger zurückzuführen.
Mehr Infektionen – höherer Antibiotikabedarf
Ein zentraler Zusammenhang besteht darin, dass klimabedingte Veränderungen die Häufigkeit von Infektionskrankheiten erhöhen können. Höhere Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster oder Überschwemmungen begünstigen etwa die Ausbreitung von Krankheitserregern und ihren Überträgern. Dadurch steigt der Bedarf an antimikrobiellen Medikamenten. Jeder Gebrauch von Antibiotika fördert die Entwicklung von Resistenzen.
Auch Störungen der Infrastruktur können eine Rolle spielen. Überschwemmungen oder Dürren können Trinkwasserquellen verunreinigen und sanitäre Versorgungssysteme beeinträchtigen. Dies erleichtert die Verbreitung von Krankheitserregern zwischen Menschen, Tieren und der Umwelt.
Direkte Effekte von Temperatur auf Mikroorganismen
Neben diesen indirekten Effekten können steigende Temperaturen Mikroorganismen auch direkt beeinflussen. So können höhere Temperaturen das Wachstum von Bakterien beschleunigen und Mutationen begünstigen. Zudem kann der Austausch von Antibiotika-Resistenzgenen zwischen Bakterien, ein Prozess, der als horizontaler Gentransfer bezeichnet wird, unter bestimmten Bedingungen häufiger auftreten. Auch Umweltveränderungen könnten neue Quellen für Resistenzgene erschließen. Beispielsweise kann tauender Permafrost eine größere Vielfalt solcher Gene in Böden und Gewässern freisetzen.
Landwirtschaft und Ökosysteme betroffen
Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und AMR betrifft nicht nur die Humanmedizin. In der Landwirtschaft könnten klimabedingte Ernteausfälle, Wasserknappheit und intensivere Tierhaltung den Einsatz von Antibiotika in der Tierproduktion erhöhen. Gleichzeitig verändern Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Niederschläge die Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten und Schadinsekten, was zu einem erhöhten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln führen kann. Hinzu kommen ökologische Veränderungen wie Entwaldung oder veränderte Landnutzung. Sie können den Kontakt zwischen Menschen, Nutztieren und Wildtieren verstärken und so das Risiko neuer Infektionskrankheiten erhöhen.
Bedarf für umfassende globale Strategien
Trotz zahlreicher Hinweise reicht die wissenschaftliche Evidenz bislang nicht aus, um einen eindeutigen ursächlichen Zusammenhang zwischen Klimawandel und antimikrobieller Resistenz zu belegen. Viele Studien zeigen lediglich statistische Zusammenhänge zwischen steigenden Temperaturen und höheren Resistenzraten. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass grundlegende Maßnahmen zur Infektionskontrolle bereits heute wirksam sein können. Dazu zählen der Zugang zu sauberem Trinkwasser, der Ausbau von Sanitär- und Hygienestrukturen, bessere Diagnostik, Impfprogramme sowie ein verantwortungsvoller Einsatz von Antibiotika in Humanmedizin, Tierhaltung und Landwirtschaft.
„Die neue Übersichtsarbeit macht deutlich, was wir in unserer Forschung zunehmend beobachten: Antimikrobielle Resistenzen sind nicht nur ein medizinisches oder veterinärmedizinisches Problem, sie sind eng mit ökologischen und ökonomischen Veränderungen verknüpft“, sagt Professor Ulrich Schaible, Direktor des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum und Sprecher des Forschungsverbunds Leibniz INFECTIONS. „Wir brauchen integrierte One-Health-Ansätze, die Umwelt-, Human- und Tiergesundheit zusammendenken ebenso wie politische Strategien, die Klima- und AMR-Maßnahmen nicht getrennt behandeln.“ Diesen Ansatz verfolgt der Forschungsverbund Leibniz INFECTIONS, in dem Expertinnen und Experten aus vielen Fachrichtungen eng zusammenarbeiten.
Quelle:
Kalanxhi, E.; Laxminarayan, R. (2026): Climate change and antimicrobial resistance. Nat Rev Microbiol. 2026 Feb 6. https://doi.org/10.1038/s41579-026-01285-z