Antimikrobielle Resistenzen sind eine globale Herausforderung an der Schnittstelle zwischen Mensch, Tier und Umwelt. Beim Leibniz-Lunch diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Leibniz INFECTIONS mit Politikerinnen und Politikern über die wissenschaftlichen Grundlagen und mögliche Handlungsfelder.
Die Entwicklung neuer antimikrobieller Resistenzen schreitet schneller voran als die Entwicklung wirksamer Gegenmaßnahmen. Auf diese wachsende Herausforderung machte Prof. Dr. Karl Lauterbach, Vorsitzender des Ausschusses für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung, am 23. September 2026 zum Auftakt des Leibniz-Lunchs im Bundestag aufmerksam. Die Veranstaltung stand unter der Überschrift „Im Schulterschluss gegen antimikrobielle Resistenzen - Impulse und Dialog für eine gesunde Zukunft“ und brachte wissenschaftliche Expertise und politische Perspektiven zusammen. Auf Einladung der Leibniz Gemeinschaft und von Prof. Lauterbach informierten Vertreterinnen und Vertreter des Forschungsverbundes Leibniz INFECTIONS über unterschiedliche Facetten der Herausforderung durch antimikrobielle Resistenzen (AMR). Rund 15 Abgeordnete von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und der AfD sowie deren Mitarbeitende folgten der Einladung zu Information und Austausch. Im Zentrum des Austauschs standen dabei insbesondere die Frage nach einem ressort- und sektorenübergreifenden Vorgehen gegen AMR sowie die Bedingungen für einen verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz, Forschung und Innovation und eine verlässliche Verfügbarkeit wirksamer Antibiotika. Darüber hinaus wurden Fragen nach geeigneten ökonomischen Rahmenbedingungen und möglichen neuen Förder- und Innovationsinstrumenten aufgeworfen.
Die globale Herausforderung durch resistente Krankheitserreger ist real und besorgniserregend. Nach aktueller WHO-Einschätzung waren bakterielle antimikrobielle Resistenzen im Jahr 2021 mit mehr als 4,7 Millionen Todesfällen weltweit verbunden. Für 2019 wurden in einer globalen Modellierung 1,27 Millionen Todesfälle als direkt auf bakterielle AMR zurückzuführen und 4,95 Millionen Todesfälle als mit ihr verbunden geschätzt. Diese Zahl könnte laut einer Prognose (O’Neill 2014) auf 10 Millionen ansteigen, wenn keine Maßnahmen ergriffen werde, wie Prof. Dr. Ulrich E. Schaible vom Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum betonte.
One Health: Resistenzen über Sektorengrenzen hinweg verstehen
AMR lässt sich nicht allein innerhalb eines einzelnen Gesundheitssystems oder Forschungsgebiets betrachten. Resistente Mikroorganismen und Resistenzgene können sich zwischen Mensch, Tier und Umwelt bewegen. Gleichzeitig beeinflussen Antibiotikaeinsatz, landwirtschaftliche Praktiken, Prävention und Infektionskontrolle sowie gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen die Entstehung und Ausbreitung von Resistenzen. Auch die internationale Politik hat diese Zusammenhänge wiederholt aufgegriffen. Die G20 erklärten sich 2017 bereit, die Umsetzung nationaler Aktionspläne auf Grundlage eines One-Health-Ansatzes voranzutreiben, den verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz in allen Sektoren zu fördern, Forschung und Entwicklung zu stärken und praktische Optionen für Marktanreize zu prüfen. „Und das ist beim G20-Gipfel in Indonesien 2022 und auch beim Gipfel in Brasilien 2024 wieder auf die Tagesordnung gekommen“, so Schaible. Und er verwies darauf, dass Pilze „als vernachlässigte Erregergruppe“ mehr beachtet werden müssten. Denn auch gegen die zur Verfügung stehenden Antimykotika gibt es bereits zunehmende Resistenzen, unter anderem auch deswegen, weil die gleichen Wirkstoffe in der Landwirtschaft zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten bei Feldfrüchten eingesetzt werden. Schaible: „Ich glaube, es kommt nicht nur mit den resistenten Bakterien, sondern auch mit den resistenten Pilzen eine Welle auf uns zu, bei der wir noch nicht so richtig wissen, wie man damit umgehen kann.“ Als Diskussionsgrundlage stellte der Infektionsbiologe und Tuberkuloseexperte einen 10-Punkte-Plan gegen antimikrobielle Resistenzen vor.
Weltweite Ausbreitung und globale Überwachung von Resistenzen
Die weltweite Dimension der Antibiotikakrise griff Dr. Denise Dekker vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg auf, denn Resistenzen kennen keine Grenzen. „Durch den Güterverkehr und die allgemeine zunehmende Mobilität breiten sich Erreger und Resistenzgene aus. Und in jedem Land gibt es zahlreiche Schnittstellen für den Austausch zwischen Mensch, Tier und Umwelt“, erklärte die Mikrobiologin. Sie forscht schwerpunktmäßig in Ländern südlich der Sahara und betonte, dass sich die Bedingungen für Entstehung, Ausbreitung und Bekämpfung von AMR international unterscheiden. Um frühzeitig zu erkennen, welche Resistenzen global zirkulieren, sei die globale molekulare Überwachung essentiell. „Das Bundesgesundheitsministerium hat in den letzten Jahren den Aufbau einer integrierten genomischen, also molekularen, Surveillance finanziert. Das war ein hervorragendes Programm, weil es uns ermöglicht hat, auf Genomebene zu schauen, welche multiresistenten Bakterien zirkulieren, welche neuen Virusvarianten herrschen wo vor. Man konnte dadurch das Ausbruchsgeschehen besser nachvollziehen und dann adäquat mit Infektionsschutzmaßnahmen reagieren, zum Beispiel im Krankenhaus“, erläuterte Dekker. Daher sei es sehr bedauerlich, dass das Programm 2025 endete.
Die Situation in der Tierhaltung illustrierte Prof. Dr. Stefan Schwarz von der Freien Universität Berlin. In diesem Bereich hat sich über die letzten Jahrzehnte einiges getan. So ist in Europa seit 2006 der Einsatz von Antibiotika als Leistungsförderer verboten. Darüber hinaus ging in Deutschland der Antibiotikaeinsatz deutlich zurück. „Seit 2011 hat sich die Menge an Antibiotika, die für die Anwendung bei Tieren verkauft wurden, um mehr als zwei Drittel, reduziert. Seit 2021 haben wir eine Talsohle erreicht, da wird auch keine weitere deutliche Reduktion mehr möglich sein“, sagte der Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen. Und auch er betonte die Notwendigkeit der molekularen Überwachung. Denn „selbst, wenn keine bestimmten Antibiotika eingesetzt werden, Resistenzen gegenüber diesen Antibiotika bleiben trotzdem bestehen. Das hat etwas mit Ko-Selektion und Persistenz zu tun.“
Antibiotika als strategische Gesundheitsinfrastruktur anerkennen
Relevant ist auch die wirtschaftliche Perspektive. Prof. Renate Hartwig, PhD, vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erläuterte die ökonomischen Bedingungen, unter denen Antibiotika entwickelt, produziert, verfügbar gehalten und eingesetzt werden. „Wir bewegen uns immer noch und fortwährend in einem Spannungsfeld zwischen Übernutzung von Antibiotika und Unterversorgung, und beides findet gleichzeitig statt. Und das führt dazu, dass der Selektionsdruck auf Bakterien steigt, Resistenzen zu entwickeln.“ Demgegenüber stehe eine sehr geringe Innovationskraft. Nur noch wenige Pharmafirmen betreiben Antibiotikaforschung, da sich damit keine Profite erwirtschaften lassen. „Wenn wir Antibiotika weiterhin nur den Regeln des Marktes folgend verhandeln und behandeln, dann verlieren wir über kurz oder lang ein öffentliches globales Gut“, betonte Hartwig. Um das zu verhindern, könnte man zum Beispiel öffentliche und private Forschung gezielt vernetzen und den Forschungserfolg belohnen, um den Profitdruck wegzunehmen etwa über Anreizsysteme, Abonnementmodelle oder einen Innovationsfond. „Antibiotika sind eine strategisch wichtige Gesundheitsinfrastruktur und sollten auch die nötige Aufmerksamkeit bekommen.“
In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem darüber diskutiert, inwieweit mit künstlicher Intelligenz (KI), die Entwicklung neuer Wirkstoffe vorangetrieben werden könnte. Dazu erklärte Prof. Dr. Thomas Gutsmann, Sprecher des Forschungsverbunds Leibniz INFECTIONS: „KI ist auf jeden Fall ein hilfreiches Werkzeug, das wir auch selber nutzen, um antibakteriell wirksame Substanzen zu finden.“ Aber bislang hat künstliche Intelligenz nicht zu einer strukturellen Verbesserung geführt. Diskussionsthemen waren außerdem Anreizsysteme für die Antibiotikaforschung, Maßnahmen im Agrarsektor und die kritische Situation in Kliniken. Professor Lauterbach verwies in diesem Zusammenhang auf die hohe Anzahl an Sepsis-Fällen in Deutschland. Nach seinen Angaben sterben jährlich rund 135.000 Menschen in deutschen Kliniken an den Folgen einer Sepsis. Ein Teil der schweren Infektionen wird dabei durch antibiotikaresistente Erreger verursacht. Lauterbach zufolge übersteigt die Zahl der Sepsis-Todesfälle inzwischen sogar die Zahl der Todesfälle infolge eines Herzinfarkts in Kliniken. Die Angaben unterstreichen aus seiner Sicht den erheblichen Handlungsbedarf bei der Prävention und Behandlung schwerer Infektionen sowie bei der Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen.



